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LowFi und Barockengel

 

Ein Beitrag zur Anthologie „The Beat Goes On“ im Langen Müller Verlag, 2013

 

 

Es war unser erster Sommer ohne Sommerferien. Der erste Sommer nach dem Abitur und der Sommer, in dem man im olympiaseligen  München auf Schritt und Tritt entweder dauergrinsenden Hostessen im Designer-Dirndl oder albernen, regenbogenbunten Dackelmaskottchen begegnete. Ein Sommer, dem es so rasch wie möglich zu entfliehen galt.

 

Unsere Führerscheine waren frisch, und unsere Motorräder waren etwa so alt wie wir - zweitaktende, schwarze Arbeitspferde der frühen Wirtschaftswunderzeit mit breit ausladenden Schutzblechen und Motoren, die nach zwei Jahrzehnten Dornröschenschlaf in Garagen innerlich Rost angesetzt hatten. Standschäden nennt man so was, aber das wussten wir damals nicht, und es hätte uns auch nicht bekümmert, wenn wir es gewusst hätten. Hauptsache, sie gingen billig her: Für meine DKW RT 250/2, ein Schmuckstück mit der charakteristischen, rundlichen Vergaserverkleidung hinter dem gusseisernem Zylinder habe ich dem Verkäufer gerade mal vier blaue Zehn-Mark-Scheine in die Hand gedrückt.

 

Die Idee, mit den Motorrädern nach Spanien zu fahren, kam uns wohl in einer jener entsetzlich langweiligen Schulstunden kurz vor dem Abitur. Mein Freund Johannes und ich saßen auf unserem Stammplatz hoch oben in der letzten Reihe des Physiksaals und schoben uns, während ein kurzbehoster Physiklehrer im weißen Laborkittel noch einmal das Schicksal eines Elektrons auf den Hellschreiber zeichnete, kleine Zettel mit möglichen Reisezielen sowie immer länger werdende Listen mit Ausrüstungsgegenständen zu. Eine dieser Listen habe ich heute noch.

 

Sie enthält die übliche Campingausrüstung: Schlafsäcke, Luftmatratzen, Zelt - den tollkühnen Plan, uns aus langen Segeltuchbahnen sogenannte "Westernbetten" zu schneidern, in die eingehüllt man angeblich selbst bei Schneesturm unter freiem Himmel schlafen kann, hatten wir wegen unüberwindlicher Materialbeschaffungs- und Fertigungsschwierigkeiten schon in einem frühen Stadium unserer Planungen verworfen. Dazu kamen Gegenstände des täglichen Bedarfs wie Petroleumlampe, Benzinkocher, Schweizer Messer, des weiteren Bücher von Ernest Hemingway und Richard Brautigan, ein grünes Schulheft als Reisetagebuch, Füller und Tinte und eine eher überschaubare Anzahl an Hygieneartikeln, mit der 19-jährige damals noch auskamen. Ganz unten auf dieser Liste standen, versehen mit jeweils drei Ausrufezeichen, zwei Einträge, die mich heute schmunzeln lassen:

Plattenspieler !!!

Dylan-Platten !!!

 

Damals, im Jahr 1972, hatte Bob Dylan von seinen inzwischen 59 Alben gerade mal 13 veröffentlicht, darunter zwei Greatest-Hits-Kompilationen, die wir, ganz den Originalen verschrieben, mit Missachtung straften. Die anderen elf mussten als Begleitmusik mit auf unsere Reise. Unter ihnen waren Klassiker wie The Freewheeling Bob Dylan, The Times They Are A-Changing und Highway 61 Revisited, aber auch von uns durchaus kritisch diskutierte erste Alben eines "neuen", anderen Dylan wie Nashville Skyline, Self Portrait oder New Morning.

Zusammen mit einem im Vergleich zu Walkman und ipod unglaublich sperrigen, von acht dicken Batterien gespeisten Reiseplattenspieler trug dieser mehrere Zentimeter dicke Stapel Vinyl nicht unerheblich zu der Überladung unserer Maschinen bei und hatte damit einen nicht unerheblichen Einfluss auf unsere Reisegeschwindigkeit.

Mit seinen vierzehn PS, die mein Barockengel aus Ingolstadt auf die Straße brachte schon in den 70er-Jahren ziemlich schwachbrüstig, und die Adler M 250 meines Freundes Johannes, die er mit einem vom Film Easy Rider inspirierten Hochlenker versehen hatte, wies mit ihren 16 Pferdestärken auch nicht signifikant mehr Muskeln auf, die sie hätte spielen lassen können.

Jedes zusätzliche Kilogramm, das wir den aus dünnen Rohren selbst zusammengebrutzelten Gepäckträgern aufluden, kostete ein paar Stundenkilometer Geschwindigkeit, aber das nur ein Grund dafür, dass die Mitnahme von Mr Dylan als Reisebegleiter einem zügigen Fortkommen nicht gerade förderlich war.

Ein weiterer sollte sich bereits bei unserer ersten Rast im Allgäu herausstellen, wo wir uns in einer Metzgerei hinter Kempten Leberkässemmeln kauften und uns eine von der Mittagssonne beschienene Wiese neben der Straße suchten. Dort zogen uns unsere schweren Stiefel aus, legten uns vor den Maschinen ins Gras und hörten, während wir uns mit dem Benzinkocher eine große Kanne Tee kochten, genüsslich das Doppelalbum "Blonde on Blonde". Die Wiese roch aromatisch nach Heu und Herbst, und wir redeten über unsere Motorräder, die endlich gewonnene Freiheit und unsere gerade begonnene Reise, während aus dem Low-Fi-Lautsprecher unseres batteriebetriebenen Beschallungsmonsters Dylans enigmatisches "Visions of Johanna" und das raspelnd melancholische "Sad Eyed Lady of the Lowlands" hinaus in die hügelige Allgäuer Landschaft schallten.

Irgendwann einmal, die Sonne hatte schon auf gelbliches, spätsommerlich sehnsuchtsvolles Abendlicht umgeschaltet, fiel uns auf, dass wir ja eigentlich noch ein Stück weiter kommen wollten. Eine Grenze, die nach Österreich, sollte an diesem ersten Tag schon noch überschritten werden. Wir waren damals große Freunde von Grenzen, ein Europa ohne Schlagbäume wäre uns extrem öde und langweilig vorgekommen.

Aber zurück zu unserer Rast im Allgäu. Wir waren inzwischen beim Album "John Wesley Harding" angelangt und warteten noch den letzten Song "I'll be your Baby tonight" ab, bevor wir Kocher und Teegeschirr aufpackten, die Platten hochkant in meinen Tankrucksack schoben und den Plattenspieler mit Expandern auf den Gepäckträger von Johannes' Adler festzurrten.

Zwei Tritte auf die Kickstarter, die Zweitaktmotoren gurgelten los, und wir befanden auf dem Weg zum Bodensee und der österreichischen Grenze. Es wurde schon dunkel, als wir in der Nähe von Dornbirn am Rand der Straße einen Übernachtungsplatz fanden. Idyllisch, unter Obstbäumen, wie wir meinten, aber am nächsten Morgen wachten wir vom wüsten Geschimpfe eines Bauern auf, der kein "Zigeunerlager" in seiner Apfelplantage haben wollte.

 

In der Rückschau verwundert es mich immer wieder, dass wir es mit dieser Art zu reisen überhaupt bis nach Spanien geschafft haben. Gut, es war nur Nordspanien, genauer gesagt, der südliche Fuß der Pyrrenäen, aber immerhin haben wir auf unseren schon recht bald von rätselhaften Defekten geplagten Maschinen die Schweiz und Frankreich durchquert und uns auf damals alles andere als gut ausgebauten Pässen über die Pyrenäen gequält.

 

Erinnerungen werden wach: An einen heiß gefahrenen Motor, der nach jeder fünften Haarnadelkurve eine Abkühlpause brauchte, an auf langen Abfahrten stinkende Trommelbremsen. An ein Andorra, das damals nur aus ein paar Bretterbuden zu bestehen schien, in denen man Schnaps und Zigaretten kaufen und schlechte Paella essen konnte, an einen in einen langen Umhang gekleideten Beamten der Guardia Civil, der mitten in der Nacht auf einem geschotterten Pass im Licht unserer altersschwachen 6-Volt-Scheinwerfer aus der Dunkelheit auftauchte und uns eine Maschinenpistole vor die Nase hielt. Vor allem aber erinnere ich mich an den eiskalten Pyrenäenregen, der uns bis auf die Haut durchnässte und alle paar Kilometer die bis oben hin voll gelaufenen Knobelbecher ausleeren ließ - bei unserer Reiseplanung hatten wir, ein sommerlich trockenes Spanien vor Augen, keinen einzigen Gedanken an Regenkleidung verschwendet. Viel wichtiger waren uns Ersatzbatterien für den Plattenspieler gewesen - und Bob Dylan, dessen A Hard Rain's A-Gonna Fall auf dieser Reise für uns eine ganz neue Bedeutung bekam.

 

Auch andere Dylan-Lieder bleiben für mich bis heute mit dieser ersten von vielen Motorradreisen verbunden.

Immer wenn ich Time passes slowly höre, sehe ich die von Kühen, Schafen und Pferden beweideten Berghänge der Pyrenäen vor mir,  One Too Many Mornings weckt Erinnerungen an den Rio Urrobi, in dem wir die Asche des nächtlichen Lagerfeuers von unseren mittlerweile schon ziemlich mitgenommenen Schallplatten wuschen, und Day of the Locusts katapultiert mich zurück auf eine weite menschenleere Heidelandschaft in Südfrankreich, in der wir auf der Rückfahrt nichts ahnend unser Nachtlager aufgeschlagen hatten und die sich, als uns in den frühen Morgenstunden lautes Gewehrfeuer aus dem Schlaf riss, als Übungsplatz der französischen Armee entpuppte.

Der Schrecken saß uns noch lange in den Gliedern, konnte uns aber nicht von unserer Meinung abbringen, dass wahre  Reisende abseits von Hotels und Campingplätzen nächtigen, wild und ungebunden in der freien Natur, die wir regelmäßig mit den Mundharmonika-Läufen eines Robert Zimmerman alias Bob Dylan beschallten und uns dabei ganz in der Tradition der von ihm und seinem Idol Woody Guthrie besungenen Hobos und heimatlosen Wanderarbeiter aus Oklahoma fühlten.

 

Dylans Lieder waren auf unserer Reise allgegenwärtig, und tönten sie mal nicht aus dem aufgeklappten Lautsprecher unseres urtümlichen Beschallungsapparats, so schrieen wir sie dem Fahrtwind entgegen oder spielten sie unhörbar in unseren Köpfen ab. Wenn wir kilometerlang hinter dieselstinkenden Lastwagenmonstren herfahren mussten,  zum Beispiel, oder beim sanften Dahinschnurren auf einer leeren, schnurgeraden französischen Provinzstraße, auf der wir uns im Fahren eine in Lourdes erstandene und mit spanischem Cognac gefüllte Plastikmadonna von Maschine zu Maschine reichten und fanden, dass dagegen Peter Fonda und Dennis Hopper ziemlich alt aussahen.

 

Auf diese Weise wurden Bob Dylans Songs der frühen Jahre zum Soundtrack meiner ersten Motorradreise, und ich brauche heute nur eines von ihnen anzuspielen, dann beginnen die Bilder in meinem Kopf auch schon zu laufen wie ein durch häufiges Ansehen zur Legende gewordenes Road-Movie.

In dessen letztem Akt hat meine DKW nach den vielen gemeinsam durchfahrenen, durchschraubten und durchlittenen Kilometern übrigens doch noch das Handtuch geworfen und ist kurz vor dem Ziel, in Greifenberg am Ammersee, mit einem kapitalen Kurbelwellenschaden liegen geblieben. Die von uns so leichtfertig missachteten Standschäden hatten schließlich ihren Tribut gezollt.

Und so zeigt mich der Abspann des Films ölverschmiert auf einer blitzsauberen Kunstlederbank der damals noch nagelneuen Münchner S-Bahn sitzend, neben mir einen verkratzten Motorradhelm, einen staubigen Tankrucksack, mehrere Gepäckrollen - und einen klobigen, mit Plastikfolie umwickelten Plattenspieler.

 

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© Thomas Merk 2013

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